Arbeiten im digitalen Klassenzimmer

Die momentane Situation schafft merkwürdige Neuerungen. So haben mein Mann und ich tolle neue Türschilder, die dem anderen signalisieren sollen, dass man gerade besser nicht ins jeweilige Zimmer reinplatzt. Überhaupt komme ich mir in den letzten Tagen ein bisschen mehr wie eine Radiomoderatorin als wie eine Dozentin vor. Wobei ich nun an Tag vier meines IELTS-Prüfungsvorbeitungskurs so langsam glaube, mich „eingegrooved“ zu haben.

Der Kurs geht täglich von 9:00 Uhr bis 15:30 Uhr mit einer Stunde Mittagspause dazwischen. Eingeladene Teilnehmer: 20. Aktive Teilnahmen zwischen 12 und 18 Personen, was eine sehr gute Quote ist, zumal ich weiß, dass viele nebenher arbeiten.

Als Plattform wird Microsoft Teams genutzt. Über die dortige Konferenzfunktion ist im Grunde alles möglich, was im realen Klassenzimmer auch möglich wäre, lediglich die Interaktion ist anders. Und zwar sehr anders. Zumindest in der Wahrnehmung und vor allem das muss ich mir immer wieder klar machen. Denn steht man in einer Klasse den Menschen direkt gegenüber, so kommt man sich hier am Anfang eher so vor, als spreche man mit dem Monitor, was aber nicht stimmt. Es hören und gucken ja dieselben Teilnehmer zu, die sonst in der Klasse säßen.

Interaktion in der Teams Videokonferenz

Da ich niemanden zwingen möchte, die Kamera zu benutzen, erscheinen mir die Teilnehmer am häufigsten als bunte Punkte. Nur bekommt man dadurch eben vieles an Feedback nicht mit, was man sonst schlichtweg sehen würde. Ist die Aufgabe zu leicht, oder zu schwer? Sind die Teilnehmer noch gut dabei, oder brauchen sie eine Pause, etc? Daher frage ich manchmal nach dem Befinden und bitte um Feedback via Smileys oder Daumen hoch. Es funktioniert, ist aber natürlich nicht dasselbe.

Ansicht der Konferenz in Teams

Feedback per Emojis

„Melden“ während der Videokonferenz

Natürlich können Teilnehmer jederzeit Zwischenfragen stellen, das funktioniert auch ohne ein Meldesystem sehr gut. Es passiert relativ selten, dass zwei Teilnehmer gleichzeitig reden.

Bei Kurzantworten bin ich dazu über gegangen die Chatfunktion zu benutzen und bitte die Teilnehmer, Ihre Antworten in den Chat zu schreiben. Auch das funktioniert gut und man kann es auch prima als Quizfunktion benutzen.

Hinzu kommt, dass ich Antworten aus dem Chat auch kopieren kann. So kann ich gegebenenfalls eine Schülerantwort in ein Word Dokument aufnehmen, und weiterverwenden und zwar so, dass alle es nachvollziehen können.

Statt digitaler Tafel

Word-Dokumente benutze ich nun gerne statt Tafel. Zwar gibt es bei Teams ein Whiteboard, dass man mit allen Teilnehmern teilen kann, aber zum einen habe ich bisher nicht herausfinden können, ob und wenn ja wie ich dort auch Text und Bilder einfügen kann. Zum anderen hängt es derzeit in Teams häufiger (was wahrscheinlich mit dem derzeit hohem Nutzungsaufkommen zu tun hat). Word läuft stabil, auch kann ich das Dokument teilen, sodass alle gleichzeitig darin arbeiten können. Ich kann Text tippen, Bilder einfügen aber auch mein Stift funktioniert darin.

Word auf dem geteilten Bildschirm – hier arbeite ich allerdings mit meinem iPad

Korrektur und Besprechung von Ergebnissen

Wenn ich Ergebnisse zur Korrektur einsammeln möchte, haben sich verschiedene Methoden bewährt.

Für einfache Dokumente erstelle ich einen „Abgabe“-Ordner. Dort können die Studierenden Ihre Antworten abspeichern und ich habe direkten Zugriff darauf. Wer lieber per Hand schreibt, macht einfach ein Foto davon und lädt es hoch. Offiziell Aufgaben kann man auch mittels der „Aufgaben-Funktion“ in Teams verschicken, die aber nicht für jede Art Team verfügbar ist.

Ich korrigiere dann das meiste auf dem Tablet. Mehr oder weniger „old school“ mit dem digitalen Stift. Klar könnte ich in Word auch die Überarbeiten-Funktion benutzen, aber gerade, wenn es mir darum geht, ein Bewusstsein für die Fehler zu schaffen (und das ist bei IELTS wichtig), finde ich, dass die virtuelle Tinte auf dem virtuellen Papier einfach plakativer und daher effektvoller ist. Ginge es um die Abgabe wissenschaftlicher Arbeiten würde ich aber eher zur Überarbeiten-Funktion greifen.

Korrekturen auf dem Surface Tablet

Eine Methode, die sich im Vorbereitungstest sehr bewährt hat und überall dort funktioniert, wo die Antworten eindeutig sind, sind Antwort-Formulare – erstellt mit Microsoft-Forms. Der Clou ist, dass man hier auch seine Antworten hinterlegen kann (wie auch bei Google Forms). Die Antworten werden vom System automatisch ausgewertet, die Teilnehmer können Ihre persönliche Auswertung sehen und ich kann gezielter auf die Fragen eingehen, die auch wirklich problematisch für die Teilnehmer waren. Denn man bekommt als Ersteller, in Echtzeit, eine Auswertung aller Ergebnisse.

Ich zeige den Teilnehmern diese Ansicht in der Regel. Die elektronische Auswertung lässt sich so auch schnell anpassen, sollte man beispielsweise merken, dass jemand nur ein Leerzeichen zuviel eingegeben hat.

Auswertung der Ergebnisse mit Microsoft Forms – Screenshot aus dem Stream der Videokonferenz

Konkrete Zeitvorgaben für Aufgaben

Ich habe für mich festgestellt, dass es mir sehr hilft, genaue Timings für Aufgaben zu geben, da ich nicht, wie sonst im Klassenzimmer sehen kann, ob die Teilnehmer schon fertig sind oder nicht. Diese Zeiten mache ich auf dem Bildschirm mir und den Teilnehmern mittels Timer präsent. Zum einen bleibt so eine gewisse Interaktion in der Konferenz, selbst wenn jeder für sich arbeitet. Zum anderen kann man dann auch gemeinsam schnell weitermachen. Hierzu benutze ich einfach den Timer aus iOS.

Schön ist auch in Teams die Möglichkeit, gemeinsam an Dokumenten zu arbeiten, was ich versucht habe mit einer Vokabeldatei zu etablieren. Aber das wurde eher mäßig angenommen.

Interaktion zwischen Teilnehmern

Ich war mir nicht sicher, ob es möglich ist… aber ja, man kann auch für andere Teilnehmer Meetingräume zeitgleich eröffnen. So wollte ich dass bestimmte Teilnehmer sich gegenseitig interviewen. Ich habe für diese dann jeweils eigene Meetingräume geschaffen (mir also in meinen Kalender fünf Termine zur gleichen Zeit eingestellt mit jeweils anderen Teilnehmern). Dann haben sich die Teilnehmer aus dem gemeinschaftlichen Call ausgeklinkt, sind in Ihren Gruppenraum gegangen und haben sich danach wieder im gemeinschaftlichen „Klassenraum“ eingewählt.

Da es hier um einen Sprachvorbereitungskurs ging, konnten die Teilnehmer für die Evaluation des Interviews das Gespräch auch ganz einfach aufnehmen, indem Sie im Konferenzmenü auf Record gedrückt haben.

Fazit

Ich habe in den vier Tagen immens viel dazu gelernt. Während ich es am Anfang schwer fand in die vermeintliche Leere hineinzusprechen habe ich nun gar kein Problem mehr damit, weil ich begriffen habe, dass es gar keine Leere ist, in die ich hineinspreche, sondern ein echtes Klassenzimmer. Vieles ist noch im Trial and Error Stadium hinsichtlich dessen, was gut und was weniger gut funktioniert.
Ich bin meinen Studierenden sehr dankbar, dass sie so gut mitgemacht haben und auch sehr nachsichtig waren, denn häufig mussten sie mir auch beim „Rumrühren“ mit der Maus zugucken, wenn ich mich gerade verklickt hatte und dann hektisch wurde, oder ein Dokument nicht auf Anhieb fand oder den falschen Bildschirm freigeben hatte, oder die falsche Datei, oder, oder.
Aber insgesamt hat es gut geklappt und solange wir das reale Klassenzimmer nicht wieder eröffnen können, ist es eine echte Alternative und viel besser als die reine Verteilung von Aufgaben. Und vielleicht werden manche der erlernten Methoden und Techniken auch bleiben, wenn sich alles normalisiert hat.

Wie ist eure Erfahrung mit dem digitalen Klassenzimmer? Was nutzt, ihr? Welche Methoden verwendet ihr? Ich freue mich über Anregungen oder auch Fragen in den Kommentaren.

2 Gedanken zu „Arbeiten im digitalen Klassenzimmer

  1. Danke für die geteilten Erfahrungen. Ich bin auch zu 100% von Teams überzeugt, variiere gerade mit MS Whiteboard (also nicht das Teams-eigene sondern mit einer extra Microsoft App gleichen Namens), Word und PPT Präsis. Wirklich schlecht ist keines der Systeme. Ich glaube auch dass einige digitale Neuerungen auch in der Nach-Corona Zeit fester Bestandteil bleiben werden – was nicht verkehrt ist.

  2. Danke für den Beitrag.
    Ich finde es sehr interessant unseren Unterricht einmal aus der Sicht eines Dozenten zu lesen 🙂
    Auch wir Studierenden kommen uns teilweise etwas komisch vor. Gerade wenn Fragen in den Raum gestellt werden sitzt man erstmal am Rechner und überlegt, soll ich jetzt Antworten? Und dann kommt es zu einer Stille weil niemand etwas sagt und man selbst denkt sich, ok jetzt ist es unangenehm. Man kann nicht wie Analog durch die Körpersprache Feedback geben und den Gegenüber interpretieren.

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